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Automatic Drawing

AUTOMATIC DRAWING / Automatisches Zeichnen

Wenn die Hand schneller ist als der Verstand

Bevor eine Zeichnung entsteht, gibt es normalerweise eine Vorstellung: eine Idee, ein Motiv, eine Komposition. Beim Automatic Drawing, dem automatischen Zeichnen, wird dieses Prinzip auf den Kopf gestellt. Hier beginnt die Zeichnung nicht mit einem fertigen Bild, sondern mit der Bewegung. Die Hand zeichnet, bevor der Verstand entscheiden kann, was eigentlich entstehen soll. Linien treffen aufeinander, verdichten sich und entwickeln Figuren, Räume oder Formen, die vorher nicht geplant waren. Der Kopf schaut dabei gewissermaßen erst einmal zu.

Eine Idee mit Geschichte

Das automatische Zeichnen hat seine Wurzeln im frühen 20. Jahrhundert und ist eng mit dem Surrealismus verbunden. Künstler wie André BretonAndré Masson oder Joan Miró experimentierten mit spontanen, intuitiven Formen des Gestaltens. Beeinflusst wurden diese Versuche auch von den damals neuen Vorstellungen der Psychoanalyse, insbesondere von Sigmund Freuds Beschäftigung mit dem Unbewussten, mit Traum und Assoziation. Die zentrale Frage war faszinierend: Was geschieht, wenn der kritische Verstand nicht ständig kontrolliert? Wenn nicht mehr „Was möchte ich zeichnen?“ im Mittelpunkt steht, sondern vielmehr: „Was entsteht, wenn ich einfach beginne?“Automatic Drawing wurde damit zu einer Expedition ins Unbekannte, in der Zufall, Intuition und Bewegung miteinander arbeiten.

Die Hand weiß manchmal mehr als der Verstand

Auch bei meinen Zeichnungen gibt es keine Vorzeichnung, keinen Plan und keine vorbereitete Komposition. Die Hand setzt eine Linie, die nächste reagiert darauf, und allmählich entwickelt sich etwas, das vorher nicht existierte. Dabei gilt eine wichtige Regel: Es wird nicht radiert. Keine Linie wird zurückgenommen, weil sie „falsch“ ist, keine Stelle ausgebessert. Jede Spur bleibt Teil der Zeichnung. Das macht den Prozess durchaus spannend. Eine Zeichnung kann sich in eine völlig unerwartete Richtung entwickeln. Ein vermeintlicher Fehler kann plötzlich zum entscheidenden Element werden. Die Zeichnung entsteht so als sichtbare Aufzeichnung eines Denk- und Bewegungsprozesses, bei dem Planung durch Wahrnehmung und Reaktion ersetzt wird.

Von der spontanen Linie zur fertigen Arbeit

Spontan bedeutet allerdings nicht zwangsläufig: fertig. Nachdem die ursprüngliche Zeichnung entstanden ist, beginnt eine zweite Phase. Die entstandenen Strukturen werden betrachtet, gelesen und weiterentwickelt. Schatten werden verstärkt, Flächen erhalten Farbe, Linien werden verdichtet. Formen, die zunächst verborgen waren, können hervortreten und dadurch eine ganz neue Bedeutung bekommen. Dabei wird die ursprüngliche Zeichnung nicht korrigiert. Die spätere Bearbeitung fügt etwas hinzu, ohne das Entstandene zurückzunehmen. Die erste Phase stellt die Fragen, die zweite entdeckt mögliche Antworten.

Vom Papier zum digitalen Raum

Die meisten Arbeiten entstehen zunächst analog mit Fineliner oder Kugelschreiber auf Zeichenkarton. Die fertige Zeichnung wird anschließend eingescannt und auf dem iPad weiterentwickelt. Dort entstehen Farben, Schatten, Transparenzen und weitere grafische Elemente. Andere Illustrationen entstehen vollständig digital auf dem iPad. So treffen zwei unterschiedliche Methoden aufeinander: die unmittelbare Bewegung des Stifts auf Papier und die Möglichkeiten digitaler Gestaltung. Die Technik erweitert den Prozess, aber sie hebt seine wichtigste Regel nicht auf: Die ursprüngliche Linie bleibt unangetastet.

Das Bild wird nicht geplant.
Es wird entdeckt.

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